Donnerstag, 29. Juli 2010

Virtuelle Intelligenz?

Heute habe ich das frustrierendste Beratrungsgespräch meines Lebens geführt, und zwar mit Eva, der virtuellen Beraterin von paypal.
Wegen eines zurückgegeben ebay-Artikels hatte ich eine Gutschrift erhalten, aber anstatt das Geld zurück auf mein Konto zu überweisen, hat paypal es behalten und weist es mir als Paypal-Guthaben aus. Ich wollte wissen was los ist und wie ich mein Geld zurück auf mein Konto kriege:

Hallo! Ich bin Eva, Ihre virtuelle Beraterin und stehe Ihnen bei Fragen rund um PayPal gerne zur Verfügung. Wie kann ich Ihnen helfen?
Sie: hallo
Eva: Hallo! Wie kann ich Ihnen behilflich sein?
Sie: ich habe am 1. Juli eine Gutschrift erhalten
Eva: Meinten Sie:
- Wie kann ich eine Zahlung empfangen?
- Wie kann ich Zahlungen mit meinem Geschäftskonto empfangen?
- Wie bestelle ich den Sicherheitsschlüssel?
- Wie kann ich Zahlungen erhalten, wenn ich kein Privatkonto habe?
- Wie kann ich Geld aus dem Ausland empfangen?
Sie: nein
Eva: Schade, dass keine Option auf Sie zutrifft. Könnten Sie Ihr Problem bitte einfacher formulieren?
Sie: meine gutschrift
Eva: Meinten Sie:
- Bitte erklären Sie, wie ich mein PayPal-Konto verifizieren kann.
Sie:nein
Eva: Schade, dass keine Option auf Sie zutrifft. Könnten Sie Ihr Problem bitte einfacher formulieren?
Sie: du bist eine dumme maschine
Eva: Ich möchte keine Belästigungen oder freche Anspielungen hören. Erklären Sie mir Ihr Paypal Problem und ich werde versuchen Ihnen weiterzuhelfen.
Sie: also
Eva: Können Sie Ihre Anfrage bitte umformulieren?
Sie: das versuche ich ja gerade
Eva: Ich höre Ihnen zu.
Sie: ich habe eine gutschrift erhalten
Eva: Meinten Sie:
- Wie kann ich eine Zahlung empfangen?
- Wie kann ich Zahlungen mit meinem Geschäftskonto empfangen?
- Wie bestelle ich den Sicherheitsschlüssel?
- Wie kann ich Zahlungen erhalten, wenn ich kein Privatkonto habe?
- Wie kann ich Geld aus dem Ausland empfangen?
Sie: omg
Eva: Leider stehe ich Ihnen momentan nicht zur Verfügung...
Sie: hallo?
Eva: Hi. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?
Sie: hallo.
Eva: Hi. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?
Sie: mein konto hat ein gutschrift erhalten
Eva: Meinten Sie:
- Wie kann ich Zahlungen erhalten, wenn ich kein Privatkonto habe?
- Wie kann ich Zahlungen mit meinem Geschäftskonto empfangen?
- Wie kann ich eine Zahlung empfangen?
- Bitte erklären Sie, wie ich mein PayPal-Konto verifizieren kann.
- Es scheint als ob mein Bankkonto schon in einem anderen PayPal-Konto registriert wurde.
Sie: GUTSCHRIFT
Eva: Meinten Sie:
- Bitte erklären Sie, wie ich mein PayPal-Konto verifizieren kann.
Sie: GUTHABEN?
Eva: Meinten Sie:
- Was ist der Kontostand meines PayPal-Konto?
Sie: ich muss weg
Eva: Wie kann ich Ihnen behilflich sein?
Sie: vielen dank fürs gespräch
Eva: Gern geschehen. Ich helfe, wo ich kann. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?

--- Da unterhalte ich mich doch wieder lieber mit meiner anderen dummen Freundin, der Büroklammer (die im übrigen ein Mann ist und Karl Klammer heißt).

Sonntag, 21. März 2010

P.S.: Ein analoges Relikt?

Schreibt man in der digitalen Zeit eigentlich noch PS am Ende eines Briefes (oder einer Email), wo man doch Dinge, die einem erst später einfallen, einfach und unauffällig an geeigneter Stelle einfügen kann und es meistens auch ganz selbstverständlich tut? Ich habe es jedenfalls gerade gemacht und stellte fest, dass ich es viel zu selten mache. Ab jetzt also wieder mehr PS. Für mehr Transparenz in der Textgenese!

Mittwoch, 20. Januar 2010

Frühkindliche Stigmatisierung Live

Heute Nachmittag vor einem Kindercafe (ja so etwas gibt es! Dabei sollen Kinder doch keinen Kaffee trinken!) in Friedrichshain:
Zwei Mütter, eine davon schwanger, und drei Kinder, dick angezogen.
Kind 1 (wölbt stolz den Schal unter der Jacke): "Guck mal, ich krieg auch ein Kind!"
Mutter 1: "Na Leo, das glaube ich aber nicht, dass du ein Kind kriegst!"
Mutter 2: "Du wirst vielleicht mal Vater, aber du kriegst kein Kind."

Genau. Leo kriegt also kein Kind, so viel steht schon mal fest. Aber nicht etwa, weil er erst vier Jahre alt ist, nein, sondern weil er eben ein Vater wird. Ist das nicht zum Haare ausreißen? Wollen nicht alle Eltern immer Kinder mit Phantasie? Aber so wichtig, als dass man es einmal versäumen würde, den kleinen Leo über den kleinen großen Unterschied aufzuklären, der zwischen ihm und den Kinderkriegen liegt, ist das dann wohl doch nicht. Wer weiß was alles möglich sein wird, wenn Leo erst 30 ist.

Montag, 14. Dezember 2009

Dienstag, 14. Juli 2009

My generation sucks

Beim SPIEGEL hat man mal wieder eine neue Generation ausgemacht oder herbeiphantasiert, oder sich gewünscht, oder wie auch immer. Dann hat man ihr einen Namen gegeben, der sich alliterativ aus den drei beliebtesten Worten dieser Zeit zusammensetzt: Krise (klar), Kinder (Uschi) und Wir (Papst/Weltmeister). Damit kann man schon mal einen Sommerloch-Titel füllen, aber die Freude über die Neuentdeckung nimmt kein Ende: Die "Generation die so und so und so ist, aber vor allem keine Generation sein will" wird jetzt schon seit Wochen Stück für Stück weiterverwurstet. Nach dem Titel gibt's jetzt ein Special, und nach dem Studentenpisa Umfragen über Bekenntnisse über Interviews über Psychotests über haste nicht gesehen. Da können ganze Regimenter KrisenkinderspiegelredaktionspraktikantInnen ihre Lebensläufe aufpimpen, und natürlich gibts auch schon erste Trittbrettfahrer, die sich freuen, dass sie zu einem spannenden Wir gehören. Und es ist mit dieser Generationensache wie mit Horoskopen: es ist für jeden was dabei, jeder darf mitmachen, jeder darf (muss?) dazugehören. Hmm. Jeder? Oder doch nur die KrisenkinderspiegelredaktionspraktikantInnen und ihre FreundInnen und KommilitonnInnen? Es soll ja auch in dieser Generation Menschen geben, die nicht studiert haben, Menschen gar ohne Abitur! Die gar nicht gut ausgebildet sind und kein einziges Auslandspraktikum oder -Semester gemacht haben, weil die Großküche, in die sie die Zeitarbeitsfirma gesteckt hat, und in der sie jetzt die Spülmaschine einräumen, sowas nicht anbietet. Aber die lesen ja auch nicht den SPIEGEL und schreiben keine Leserbriefe über ihr Leben. Also gibt's die ja eigentlich auch gar nicht. Die Nummer mit den Krisenkindern läuft jedenfalls so gut, die lassen wir uns nicht vermiesen. Bald gibts bestimmt auch T-Shirts und Schlüsselanhänger.

Montag, 16. März 2009

Player Piano

So hieß der erste Roman von Kurt Vonnegut, der 1952 erschien. Er spielt in einer dystopischen Zukunft, in der alle Arbeit von Maschinen getan wird und die Menschen beschäftigungslos bleiben. Das automatische Klavier ist hier ein Symbol für die mechanisierte Welt, in der die Menschen überflüssig geworden sind. Ob die Tätigkeit des Klavierspielens mit einer monotonen, fremdbestimmten und möglicherweise auch noch krankmachenden Arbeit verglichen werden kann, wie sie Menschen etwa in Fabriken oder Minen verrichten, ist fragwürdig, muss aber ein andermal diskutiert werden.
Bleiben wir aber beim automatischen Klavier. Es ist aus verschiedenen Gründen eine faszinierende Erfindung, Dystopie hin oder her: erstens sieht es so aus, als würde es von einer unsichtbaren Person gespielt werden:

Und tatsächlich ist das Abspielen der Notenrolle das Negativ des Einspielprozesses, außer dass er immer wiederholbar ist. Die unsichtbare Person ist, wenn man so will, der Geist des ursprünglichen Spielers, der sich durch das Negativ der Notenrolle re-manifestiert; das wäre zweitens. Hier wird erklärt, wie das Ein- und Abspielen bei so einem Klavier funktioniert. Es gibt inzwischen fast hundert Jahre alte Aufnahmen, in denen z.B. Scott Joplin seine eigenen Stücke eingespielt hat; wenn man sie einlegt, hört und sieht man Joplin spielen (hier, hier und hier leider nur zum anhören), aber der Träger der Musik ist nur ein Stück Lochpappe. Diese Notenrollen-Methode ist (drittens) also gleichzeitig digital und analog!
Diese Gleichzeitigkeit war es vermutlich auch, die diesen Bastler dazu animierte, auf seiner Spielkonsole diese gleichzeitig haarsträubende und umwerfende digital-digitale Joplin-Interpretation zuerstellen (ich glaube, bei 1.30 höre ich tatsächlich ein Schwein grunzen):

Oh mein Gott! Ich habe Kanzi getötet!

Heute aß ich einen Apfel. Soll ja gesund sein. Nur zum Spaß wollte ich wissen, wie weit denn dieses Früchtchen (Öbstchen?) zu mir reisen musste; jedoch enthielt der Plastikaufkleber anstatt einer Herkunftsangabe nur eine Webadresse. Heutzutage kommt ja kein Kernobst mehr ohne gescheite Webpräsenz aus. Diese Homepage ist einen Besuch allerdings wert. Denn dieser Apfel heißt nicht nur wie eine Angela Merkel-Actionfigur, er bietet auch sonst allerlei spektakuläre Lifestyle-Features:
"Kanzi ist ein erfolgreicher Apfel mit überraschend vollem Aroma. Den Kanzi umgibt etwas Mysteriöses. Wo der Kanzi genau seine Wurzeln hat, das wird uns ein Geheimnis bleiben. Wenn Sie sich oder Ihre Lieben einmal so richtig verwöhnen möchten, entscheiden Sie sich für den Kanzi. Wollen Sie diese Versuchung der Natur einmal selbst probieren oder verschenken? Fragen Sie Ihren Obsthändler nach dem Kanzi."
Was habe ich nur getan? Habe ich dem kometenhaften Aufstieg dieses erfolgreichen Apfels durch schnöden Verzehr ein jähes Ende bereitet? Die Königin, äh, Kanzlerin der Äpfel gemeuchelt? Dem geheimnisvollen rotbackigen Verführer den Garaus gemacht? Das Paradies zertrampelt?
Ich glaube, ich werde nie wieder Obst essen können. Oder nur noch Bananen.
Überigens hat dieser Apfel ganz genau so unspektakulär geschmeckt wie jeder andere Apfel aus dem Supermarkt.

Montag, 5. Januar 2009

WTF

Habe ich mal gesagt, das Gute an elektronischer Musik ist, dass der Einstieg so niedrigschwellig ist, dass jeder das machen kann, auch wenn er oder sie nicht acht Jahre Geigenunterricht genommen hat?
Ich nehme es zurück.
"Der Anteil der beiden VCOs am Sound wird mit dem VCO-Balanceregler bestimmt, als Filtertypen stehen Tiefpass, Bandpass und Hochpass bereit, die Filter haben natürlich Cutoff Frequency und Resonanz. Dazu gibt es noch eine ADSR-Hüllkurve, die den VCA steuern kann, aber nicht muss, denn der lässt sich auch gaten. Patchen kann man natürlich auch, nicht ganz so exzessiv zwar wie bei Korgs Legacy Collection (...), allerdings sehr effizient: Für jeden Synth gibt es einen LFO, der wahlweise zur Geschwindigkeit synchronisiert oder frei laufen kann, und Sinus, Dreieck, Rechteck oder Sample & Hold rausgibt. Steuern kann man damit dann Master Pitch, VCO1 und VCO2 Pitch separat, Cutoff und VCA, wobei die Modulationsintensität über jeweils eigene Drehregler bestimmt wird."
(aus der Besprechung dieses Dingsdas)
1. Ist das jetzt gut oder schlecht?
2. Soll ich mir das kaufen?
3. Kann ich dann damit Musik machen oder soll ich lieber wieder anfangen, Geige zu spielen?

Montag, 29. Dezember 2008

Das generische Maskulinum

...treibt mitunter die skurrilsten Blüten. Hier eine Werbung für Sarah Silvermans "provokante Show aus den USA":

Dienstag, 25. November 2008

Zeichenwald Electronic Beats Festival

Die Schlange an der Gästeliste ist so lang, dass man 45 Minuten warten muss, um reinzukommen. Es sieht tatsächlich so aus, als würde die Mehrheit der Besucher über diesen Eingang kommen. Die zwei Jungs vor uns in der Schlange kriegen VIP-Schilder und Getränkegutscheine, wir nicht, wir kriegen pinke Armbändchen. Beim ersten Rundgang wird klar, warum VIP sein von Vorteil ist: Nur in der offensiv platzierten VIP-Area kann man sitzen, wenn man einmal von den paar längst belegten Erholungsskulpturen im Untergeschoss absieht. Mindestens die Hälfte der Besucher arbeitet offenbar bei MTV, der Rest wahrscheinlich irgendwo in der restlichen Medienbranche. Ich erwäge, noch mal neu anzufangen und ein Handwerk zu lernen. An der Garderobe wird zur Gewissheit, was ich schon den ganzen Sommer über geahnt hatte: es ist die American Apparel-Tasche und nicht der Tunbeutel. Gleichzeitig ärgere ich mich, weil ich weiß, wie die dumme Tasche heißt, die aussieht, als wäre darin mal ein Igluzelt verpackt gewesen.
Die Dekoration ist auffallend pink, an jeder Ecke wird Essen angeboten; Hot Dogs, belegte Baguettes. Klar, es ist zehn Uhr abends, die Leute kommen gerade von der Arbeit. Es gibt noch andere Stände, z.B. mit T-Shirts, und ich werde den Verdacht nicht los, dass ich heute Abend hier auch einen Telefonvertrag abschließen könnte. Jedes Mal, wenn sich jemand eine Zigarette anzündet, ist sofort ein dicker Security-Mann zur Stelle, der auf das Rauchverbot hinweist. Aufgrund des hohen Bewegungsaufkommens (die Leute suchen dringend was zum hinsetzen!) wird einer der beiden Treppenaufgänge kurzerhand zum VIP-Treppenaufgang erklärt. Zwei Spackos legen Platten auf, sie werden von vier Kameras gleichzeitig gefilmt. Auch wir haben mit Betreten der Veranstaltung alle unsere Rechte aufgegeben, steht auf angeklebten DIN A4 Zetteln. Ein Mann mit einem Klemmbrett will wisssen, ob mich morgen jemand anrufen kann und fragen wie mir die Veranstalung gefallen hat. Morgen werden Köpfe rollen. Ich lehne ab.
Oben fangen die Bands an zu spielen, unten posieren zwei Mädchen für eine Fotografin. Als die Mädchen anfangen sich gegenseitig auszuziehen, bleiben alle möglichen Leute stehen und fotografieren das mit ihren Telefonen. Ich geh mir Peaches angucken. Sie trägt ein pinkes Kostüm und sieht um den Kopf herum aus wie ein Pudel. Nach jedem Lied zieht sie ein Kleidungsstück aus, am Ende kann man sehen, dass sie ein Blinklicht an ihrer Unterhose befestigt hat. Das ist ja mal wirklich provokant, denke ich, und frage mich, warum mir trotzdem so langweilig ist.
Ich schaue mich um und denke, so sieht es also aus, wenn Eventmanager Subkultur inszenieren und nebenbei eine Werbebotschaft unterbringen müssen. Die willkürliche und rein effekthascherische Zusammenfügung von aufdringlich bedeutungsgeladenen Zeichen ist armselig und frustrierend, und vor allem: sie ergibt überhaupt keinen Sinn, aber die Leute scheinen sich zu amüsieren, und plötzlich verstehe ich, was postmodern ist, und warum Umberto Eco sich weigert, sich damit zu beschäftigen. Ich will mich auch nicht damit beschäftigen und tanze ein bisschen, und freue mich darüber, dass die Frau neben mir so lustig und außerordentlich postmodern tanzt.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Angst vor der Zukunft

Bekanntermaßen bin ich ja eine große Freundin von Automaten im Alltag. Aber der Apparat, auf den ich neulich auf der Toilette eines irischen Fastfood-Restaurants stieß, hat mich ins Grübeln gebracht. Er sah ungefähr so aus:
Es handelt sich um ein Loch in der Wand, in das man seine Hände stecken soll, und dann werden sie gewaschen. Zunächst einmal gibt es, glaube ich, eine natürliche und berechtigte Scheu davor, seine Hände einfach in irgendwelche dunklen Löcher zu stecken. Nachdem ich diese überwunden hatte und ein Sensor meine schüchternen Händchen erfasst hatte, bekam ich eine Portion Flüssigseife auf meine Handgelenke geklatscht. Gleich darauf tröpfelte kaltes Wasser in der hinteren rechten Ecke dieser Höhle auf meine Fingerspitzen. Noch unschlüssig, wie ich mit der Seife auf meinen ansonsten immer noch trockenen Handgelenken verfahren sollte, probierte ich ein paar Waschbewegungen, als das Wasser schon wieder aufhörte zu tröpfeln und aus der linken hinteren Ecke heiße Luft geblasen wurde. Da stand ich nun mit feuchten Händen und klebrig eingeseiften Handgelenken, und verfluchte die Automatenwelt, während das dumme Gebläse nicht aufhören wollte, heiße Luft zu produzieren und für einen zweiten Durchgang noch lange nicht bereit war.
Wenn ich mir überlege, wie Automaten unsere Leben schöner machen können, dann fällt mir trotz langem Nachdenken nicht ein, warum ich eine Maschine brauche, die mir bevormundend und noch dazu schlecht die Hände wäscht. Was soll das überhaupt? Jeder hat seine eigene Reihenfolge beim Händewaschen und sein Ritual (schon mal jemandem beim Händewaschen zugeschaut, der Medizin studiert hat?). Unterschiedliche Leute haben unterschiedlich schmutzige Hände, wie will diese dumme Maschine dem Rechnung tragen? Und ich mache mir Sorgen: Müssen wir uns auf eine Zukunft der schlecht gewaschenen seifigen Hände einstellen? Ich dachrte die Zukunft ist clean? Das wäre ja dann wohl das Gegenteil. Und vor allem: Was kommt als nächstes? Die automatische Toilette, die nach dreißig Sekunden einfach spült und die Tür aufmacht? Jemand erzählte mir einmal von einem Pflegeheim, in dem selbstreinigende Toiletten eingeführt wurden, bei denen sich der Sitz beim Reinigen dreht. Irgendwie hatte die Toilette nicht verstanden, dass noch eine Omi auf der Brille saß, als sie anfing, den Sitz zu drehen. Die arme Omi wusste nicht wie ihr geschah, als sie mit dem Toilettensitz zusammen rotierte... So sehr ich all die Maschinchen liebe und bewundere, die auf wunderbare Weise meine Wäsche und mein Geschirr und mein Auto waschen: mich selbst kann ich noch am besten sebst waschen.
Und wie immer gibt es gleichzeitig den entgegengesetzten Trend: Am Flughafen in Dublin sah ich nur wenige Tage später eine voll besetzte Schuhputzstation, in der drei Frauen in der altbekannten Pose, die wie keine andere die Demütigung des Dienenden zum Ausdruck bringt, zeitunglesenden Anzugträgern die Schuhe polierten. Dabei gibt es dafür doch nun wirklich Maschinen, und jede Rolltreppe macht das gerne im vorbeifahren.

Dienstag, 23. September 2008

Frage

... "klischeehafte Stereotypen" wollte ich gerade schreiben, weil es mir so ein natürlich zusammengehöriges Paar erschien, und tatsächlich, die zwei mögen sich gerne. Aber in Wirklichkeit ist das doch reine Vokabelanhäuferei, oder, wie unsereins gerne sagt, ein Pleonasmus. Denn Klischee = Stereotyp? Nur in einer anderen Disziplin?

Freitag, 29. August 2008

Verschwörungsalarm

Hinter jedem Busch, und, was noch schlimmer ist, hinter jedem Lehrstuhl und jedem Lehrerpult lauert heutzutage eine Feministin mit einer riesengroßen Heckenschere. Jetzt haben es diese feigen Biester auf die Schwächsten der Gesellschaft: die kleinen Jungs abgesehen. Deswegen sind die Lehrpläne neuerdings voll von Mädchenthemen wie: mit bloßen Füßen über eine Wiese laufen, Libellen beobachten und Schmetterlinge hinter Glas malen. Kein Wunder also, dass Jungen in der Schule immer schlechter werden. Der heimtückische Plan der feministischen Weltverschwörung lautet wie folgt: durch die gezielte Auslassung jungenspezifischer Themen (wie: Fussball, Ritterburg) wird das Interesse der Jungen am Schulunterricht systematisch sabotiert, um Mädchen einen Vorteil in der Berufswelt zu verschaffen, in der diese, auch so ein perfides Gerücht der Feministinnenlobby, bislang benachteiligt waren.
Bald hat die Feministinnenmafia ihr Ziel erreicht: schon sind große Teile der Universitäten, der Gewerkschaften, Schulbehörden und der Bundesregierung in ihrer skrupellosen Gewalt. Mit Hilfe von steuerfinanzierten Konfliktlotsen sowie des Berliner Verein "Dissens" und unter dem Deckmäntelchen des sogenannten "Gender Mainstreaming" wird die Männlichkeit und mit ihr ihre hervorragendsten Eigenschaften wie: Risikobereitschaft, Konkurrenzdenken, Aggressivität bald ausgemerzt sein.
Ja, so ist das. Und wer hat's aufgedeckt? Richtig: schon wieder die unerschrockenen Ritter vom Herrenmagazin "der Spiegel". Hier ist man noch fleißig dabei, die Forderungen der Feministinnen der 60er Jahre in die Tat umzusetzen, und die ersten Erfolge zeigen sich immerhin: inzwischen ist hier schon jeder fünfte Redakteur eine Redakteuse. Bei so viel gleichstellungspolitischer Anstrengung kann es schon mal passieren, dass man die eine oder andere Entwicklung verpasst, und sich die Grundlagen für einen kontroversen Artikel über Gender Mainstreaming aus verschiedenen Wikipedia-Artikeln zusammenbasteln muss, ohne die Begriffe und alles was damit zusammenhängt verstanden zu haben. Denn nur so ist es zu erklären, dass der Autor tatsächlich versucht, mit fünfzig bis hundertfünfzig Jahre alten soziobiologischen Klischees über Männlichkeit gegen die Konsequenzen aus den Erkenntnissen der Genderforschung vorzugehen. Und plötzlich verkehrt sich die Ursache und Wirkung: da werden skandalöserweise Steuermittel darauf verwendet, den Jungen in der Schule "typisch jungenhaftes Verhalten" abzukonditionieren, während der Unterricht sich an "weiblichen Formen des Lernens und Gestaltens" orientiert. Die Natürlichkeit solcher geschlechtsspezifischer Verhaltensweisen und Interessen setzt der Autor einfach erst mal voraus. Und damit beweist dieser Artikel eigentlich sein genaues Gegenteil: es müssen noch viel mehr Steuergelder ausgegeben werden, bis auch der letzte Spiegel-Redakteur begreift, dass ein Kind von heute die wenigsten seiner - wie auch immer gearteten - Charaktereigenschaften der Lebensweise der Höhlenmenschen verdankt.
Aber die aufmerksamen Herren vom Spiegel haben sowieso auch nur die halbe Wahrheit über die Verschwörungspläne herausbekommen. Die andere Hälfte ist die: Der tobende Feministinnenmob rächt sich an den heutigen Jungen für fünftausend Jahre Patriarchat. Wenn ihre Strategie aufgeht, verlassen bald alle Jungen die Schule ohne Abschluss. Dann werden diese ungebildeten Versager zwangsverheiratet und von ihren amazonenhaften, in Prinzessinenkostüme gekleideten, börsennotierten Aktiengesellschaften vorsitzenden Frauen zu Hause am Herd festgebunden und zu willenlosen Sexsklaven erniedrigt. Mehrmals täglich kommen ihre Mütter und Schwiegermütter vorbei, nur um den geplagten, körperlich und seelisch gebrochenen Mann zur Hausarbeit anzutreiben und aus schierer Bösartigkeit mit ihren krallenartigen Fingernägeln zu kratzen, wobei sie aus ihren zahnlosen Mündern gar schauerlich lachen.
So und nicht anders wird es sein; das Elterngeld ist nur ein kleiner Vorgeschmack.

Freitag, 22. August 2008

Sesamstraße für Erwachsene

Ich habe gestern wieder mal Fernsehen geschaut und dabei viel gelernt. Zum Beispiel, dass die Verluste der IKB-Bank sozialisiert werden sollen. ???? Werden die da mit anderen Verlusten in den Verlustkindergarten gesteckt, damit die endlich mal lernen wie man sich benimmt? Natürlich nicht. Der Staat trägt Teile davon, soll das heißen (weil er so sozial ist? Weil er ein Sozialstaat ist? Diese Frage werden andere beantworten)
Und dann, zu fortgeschrittener Stunde, erklärte eine Pornoexpertin (frage nicht! MTV! Die nehmen ihren Bildungsauftrag wirklich ernst!): golden shower = ns = Natursekt = wenn die sich da immer so anpullern. Pfui! Da musste das Pornomädchen auch gleich ganz angewidert ihr Gesicht verziehen. Wir halten also fest: ns = Schweinkram.
Derart belehrt schaltete ich um auf Olympia, wo gerade ein Wettbewerb im Gehen ausgetragen wurde. Der Anblick der Geher inspirierte mich zu neuen olympischen Disziplinen wie Auf den Bus Warten, mein Mitbewohner schlug vor Schauen oder Schlafen. Darin sind wir wirklich ausgesprochen gut, es wäre nicht auszuschließen, dass wir die neue Medaillenhoffnung für Deutschland im urbanen Dreikampf werden. Einer meiner Vorschläge wurde vom mobilen Sportlexikon neben mir allerdings abgetan: gab es schon. Was man alles so lernt an einem Abend vor dem Fernseher.

Mittwoch, 21. Mai 2008

A propos Amstetten

Nichts Böses ahnend wollte ich mir neulich nachts noch einen Film anschauen, und dann das: Bad Boy Bubby. Der Film handelt von einem Mann, der von seiner Mutter 35 Jahre im Keller gefangen gehalten wurde. Ihre uneingeschränkte Herrschaft in diesem Keller verdankt die Mutter einem rigiden Moralsystem aus Schuld und Bestrafung, Wohlverhalten und Belohnung, in das unter anderem Jesus involviert ist (der alles sieht), und das als Bestrafungs- bzw. Belohnungsmittel körperliche Züchtigung bzw. inzestuösen Beischlaf enthält.
Der Film handelt eigentlich davon, wie Bubby, nachdem er dem Keller entflohen ist, in der Welt draußen zurechtkommt (nämlich besser als man erwarten würde), aber vor dem aktuellen Hintergrund fand ich vor allem die Situation in dem Keller interessant.
Man könnte zunächst einwenden, dass diese Konstellation, in der die Mutter/Frau der Täter ist, die Realität verharmlost, in der nun mal in den meisten Fällen (Zahlen? oder ist das eine so populäre Wahrheit, dass man sie nicht mehr belegen muss?) der Vater/Mann als Aggressor in Erscheinung tritt. Andererseits legt genau diese Verdrehung der naheliegenden Richtung von Gewalt die eigentliche Struktur von Gewalt frei, deren Grundlage zunächst eine von beiden Seiten anerkannte Hierarchie bildet. Und auch wenn in den meisten Fällen die patriarchiale Ordnung den Vater/Mann an die Spitze der Hierarchie setzt, kann das Ganze genausogut mit umgekehrten Vorzeichen stattfinden, indem z.B., wie in diesem Fall, das Hierarchiesystem Alter/Jugend über das System Mann/Frau gestellt wird. Gewalt ist also nicht männlich, sie ist strukturell, sagt dieser Film. Indem die Mutter sich "männlich" verhält, zeigt sie die Variabilität solcher geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen. Das ist doch schon mal ziemlich queer für einen Film von 1993.
Bemerkenswert daran ist auch, wie diese Strukturalität von Gewalt vorgeführt wird: Es gibt einige Szenen, in denen die Mutter den Sohn verprügelt und er sich nicht wehrt, obwohl er offensichtlich körperlich stärker ist als sie. Und auch Jesus, der ja eigentlich für alle da sein sollte, vor allem für die Schwachen, oder der in einer anderen Deutungsart Repräsentant des patriarchialen Herrschaftssystems ist, ist hier auf der Seite der Mutter, der Starken; er passt auf wenn sie nicht da ist und verteidigt so das bestehende System. Wenn die Hierarchie also erst einmal etabliert ist, dann verweisen alle Zeichen auf ihre Konsistenz. So ist es dann auch möglich, dass die Mutter den Sohn sexuell missbraucht, dass sie ihn ihrem Begehren unterwirft, ein Vorgang, der die übliche Auffassung von sexueller Dominanz konterkariert. Der Penis und die damit assoziierte sexuelle Dominanz ist demnach nicht Ursache, sondern nur Ausdruck männlicher Herrschaft, und damit relativ.
Folgerichtig gerät das Herrschaftssystem im Keller auch erst aus den Fugen, als eine weitere Person auftaucht, nämlich der Vater, der (hallo Konvention) wiederum die Mutter unterwirft und dem Sohn so neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
Alles in allem ein kontroverser Beitrag zum Thema, ich wundere mich, dass er noch nicht im Fernsehen gezeigt wurde. Hier kann man den Film online in voller Länge anschauen. Die Qualität ist zwar nicht besonders gut, aber wenn die Videothek schon zu hat oder zu weit weg ist, ist es alle mal eine Option.

Freitag, 16. Mai 2008

Automatenwelt

Letzte Woche war ich in einer Drogerie (die, deren Anzeigenblättchen den schönen Namen Thesaur - ach nee: Centaur trägt). Ich wollte eine Creme kaufen, für mein Gesicht. Weil es sich nur um eine kleine Filiale der Drogeriemarktkette handelte, gab es nur ungefähr einen Kilometer Regal mit Gesichtscremes. Nach einer halben Stunde hatte ich die Etiketten von circa zehn Prozent der Produkte gelesen und versucht zu verstehen (Nahrologie? Ist dieses schreckliche Fantasie-High-Tech-Wort wirklich von Nahrung abgeleitet?) und dachte mir, dass ich vielleicht nicht den ganzen schönen Tag damit verbringen wollte, eine Creme zu kaufen, und fragte eine Verkäuferin um Rat. Problem hier, Haut da, so und so, welche Creme? Hmpf umpf - ja, das käme nun darauf an, auch auf persönliche Vorlieben. Welche Firma man auch gerne mag, zum Beispiel. Ich solle doch mal die Etiketten durchlesen. Gegen Pickel helfe Clerasil, zum Beispiel. Aha. Mal abgesehen davon, dass ich von all den schrecklichen Hautproblemen, die man haben haben kann, ausgerechnet das Pickel-Problem nicht in beunruigendem Maße habe: Dass Clerasil gegen Pickel ist, war ungefähr das einzige, was ich über Gesichtspflegeprodukte wusste, bevor ich in diesen Laden trat. Anscheinend war es leider auch das einzige, was die arme Verkäuferin wusste, weshalb ich den Laden dann ohne Creme wieder verlassen habe. (Vorher erhielt ich noch den Rat, wenn ich eine richtige Beratung bräuchte, solle ich doch mal in die Apotheke gehen. Leider muss man die wirklich guten Theaterstücke immer alleine spielen, denn die Frau hatte doch glatt die andere Hälfte ihres Textes auch noch vergessen: "Dort gibt es auch die Apotheken-Rundschau mit praktischen Tips rund um Ihre Gesundheit!")
Während ich noch überlegte, wie ich mein Creme-Problem lösen könnte (Gespräche mit gut informierten Freunden führen? Immer wenn ich irgendwo zu Besuch bin im Bad mich heimlich eincremen? bei Wikipedia schauen was die in der Antike genommen haben und mir Olivenöl und Joghurt aus der Küche ins Gesicht klatschen?) fiel mir im Eingang meiner Schwimmhalle neben dem altbekannten Getränke- und Süßigkeitenautomaten dieser neu installierte Automat ins Auge und erregte sofort meine helle Begeisterung:

Das ist ein Automat, in dem man Kleidung kaufen kann. Shirts, Unterwäsche, Babystrampler, Sporttaschen. Zugegeben, die Auswahl ist nicht gerade umfassend, aber es ist ja auch erst ein Versuch. Vielleicht ist es sogar nur ein Witz. Denn wer kauft schon seine Unterwäsche im Eingang zur Schwimmhalle? Oh, ich mach das vielleicht bald mal, wenn ich gerade zufällig eine Tonne Münzen in der Tasche habe. Denn Automaten sind die Zukunft! Und dieser Klamottenautomat weist uns den Weg!
Nach der Revolution werde ich eines Tages ratlos vor einem Kosmetika-Automaten stehen, und es wird eine Frau neben mich treten, die vor der Revolution Verkäuferin bei Rossmann war. Jetzt hat sie, wie alle Menschen, unfassbar viel Freizeit, und schaut sich im Fernsehen gerne Werbung für Gesichtspflegeprodukte an. Und dann wird sie mich fragen, ob ich Hilfe brauche, und wird für mich die richtige Creme für die reife Haut ab 120 heraussuchen...

Freitag, 11. April 2008

Mountain Battles

Nun ist ja letzte Woche die neue Breeders-Platte herausgekommen. "Mountain Battles" heißt sie, und ich habe sie mir noch nicht gekauft, hauptsächlich wahrscheinlich weil ich immer noch beleidigt bin wegen der Absage des Berlin-Konzertes, auf das ich mich schon so gefreut hatte. Aber auf dieser ebenso dilettantisch anmutenden wie charmanten Seite habe ich dieses Video gefunden



auf dem man nicht nur die ganze Platte hören kann, sondern auch noch sehen kann, wie wild es auf der Record-Release-Party zuging. Echter Rock'n'Roll eben. (Übrigens habe ich erst neulich, als ich mit einem befreundeten Lichttechniker mich unterhielt, die Bedeutung des Begriffes "Rock'n'Roll" erfasst: Es kommt (so habe ich es mir erklärt) daher, dass die Band ankommt, aufbaut, abends rockt, dann wieder alles zusammenpackt und weiterfährt (rollt), und in der nächsten Stadt wieder aufbaut, rockt, rollt, usw. Interessant, oder?)
Ich muss leider sagen, dass mich diese Platte auch jetzt beim dritten Hören noch nicht vom Hocker gerissen hat, im Gegensatz zum Beispiel zur ersten und einzigen Amps-Platte, "Pacer", die ich unerklärlicherweise erst letztes Jahr für mich entdeckt habe.
Es klingt wie die Breeders, das ist schon mal schön, und es beginnt verheißungsvoll wie eine Messe, aber dann tröpfelt es einfach ab. Keine überraschenden neuen Ideen, keine besonderen Höhepunkte, eher ein Experimentieren mit Bekanntem (die schönen Gitarrendialoge gibts jetzt auch mit Stimmen) und Neuem (natürlich: Country). Das meiste klingt so, als wäre es noch nicht ganz fertig. "Die Schönheit der Fragmente" las ich hier, das trifft es ganz gut. Nur das vierte Lied (darf man überhaupt noch "Lied" sagen? Oder heißt das jetzt offiziell "Song"?) "We're Gonna Rise" versetzte mich spontan in den typischen Breeders-Zustand: Treiben in einer Blase aus Harmonie und leichtem Wahnsinn, in der die Zeit stillsteht. Ich musste das Lied dann auch immer wieder hören, um diesen embryonalen Zustand möglicht lange aufrecht zu erhalten. Aber trotzdem wollte sich die ersehnte Euphorie nicht so recht einstellen.
Ansonsten habe ich bis jetzt auch nur wohlmeinende Verrisse gehört oder gelesen, deren Milde sich, so glaube ich, hauptsächlich daraus speist, dass die Herren (und Damen) Musikjournalisten sich daran erinnerten, dass sie früher gerne mit Kim Deal geschlafen hätten. warum auch nicht. Ich habe nichts mehr gegen Musikjournalisten, nachdem ich einen dieser ach so abgekochten Burschen letztes Jahr auf einem Silver Mt. Zion-Konzert habe weinen sehen.
Dieses kleine Interview habe ich noch gefunden, aber es erzählt leider auch nicht viel mehr, außer dass Drogen wirklich das Gehirn schädigen.
Was soll ich sonst noch sagen? Ich bin ratlos. Aber ich bin ja auch kein Musikjournalist.

Mittwoch, 2. April 2008

Tibet-Basher

Also gut, reden wir über Tibet. Machen ja alle. Und ja, natürlich ist mir aufgefallen, dass überall mehr oder weniger das gleiche steht, dass die Antagonisten und die ihnen zugeordneten Attribute in diesem Konflikt überall die Selben sind: Mönche - Buddhisten - friedlich, Polizei - Chinesen - schießen.
Ich war noch nie in Tibet und ich bin auch kein Buddhist (auch wenn mein Ergebnis bei diesem Test hier das Gegenteil nahe legt), ich muss mich auf das verlassen, was ich zu lesen/sehen kriege, und es stimmt mich schon misstrauisch, wenn plötzlich überall einhellige Übereinstimmung herrscht darüber, wer hier im Recht ist und wer im Unrecht, denn das ist ja normalerweise nie so. (Genau! So weit ist es nun schon! Anstatt dass ich das als Beweis nehme dafür, dass die Lage ausnahmsweise mal eindeutig ist: Misstrauen!)
Nur in dieser Tageszeitung fand ich einen Beitrag (Teil 1, Teil 2) der sich dem allerorten herrschenden Pro-Tibetischen Konsens (in Wahrheit bröckelt er schon) entgegenstemmt. Im Duktus des Autors müsste es wohl eher heißen: in dieser "Tageszeitung" fand ich einen "Beitrag".... - und damit bin ich auch schon beim Thema, denn das Zeug ist Hetze der übelsten Art. Schade eigentlich.
Denn um ehrlich zu sein, geht mir dieser Dalai Lama mit seinem debilen Gekicher schon gehörig auf den Keks. Ich habe keine Ahnung, wofür er in Wirklichkeit steht, ob er überhaupt für etwas steht, ob er politische Ansichten hat, und wenn ja, woraus diese bestehen. Und ich fürchte, dass alle diese Leute, die sich als seine Freunde betrachten (wenn man solche Freunde hat; braucht man da eigentlich noch die Chinesen?), das auch nicht so genau wissen. Insofern hat der Autor Colin Goldner (offenbar ein Amok-Sachbuchschreiber) schon recht mit seinem Vorsatz, das mythische Shangri-La zu entzaubern, das Tibet laut all den ahnungslosen Hobbybuddhisten gewesen sein soll, bevor die Chinesen einmarschierten.
Aber! Schon allein die Sprachlichkeit erweckt den Anschein, als hätte der Autor sein Handwerk noch zu Stalins Lebzeiten erlernt, und sie ist in Wirklichkeit wahrscheinlich einfach von der chinesischen Darstellung übernommen. Vom "Rotkuttenmob" liest man da, und von "Mönchstrupps", die "marodierend" durch die Straßen ziehen und "auf jeden einprügelten, der nicht tibetisch genug aussah". Vom Dalai Lama und seinen "Verlautbarungsorganen" ist die Rede, die "Lügenpropaganda" an "bürgerliche Westmedien" liefert. Meine Güte. Ja, der kalte Krieg fehlt uns allen, als die Lager sich noch stramm gegenüberstanden, und jeder wusste wo der Feind stand. Und wenn ich zunächst nur den Verdacht hatte, dass die zur Zeit herrschende einhellige Tibet-Solidarität sich zu großen Teilen aus Überresten eines alten antikommunistischen Reflexes speist: hier findet sich der Beweis und der Gegenreflex in einem.
Aber nicht nur die Sprache disqualifiziert den Autor, auch die Geschütze, die er auffährt: Zunächst führt er gegen den Dalai Lama dessen "eklatant frauen- und homosexuellenfeindlichen Positionen" ins Feld, erläutert diese Anschuldigungen aber nicht weiter und kommt auch nicht mehr darauf zurück. Überhaupt ist es eine beliebte Praxis des Autors, die haarsträubendsten Dinge zu behaupten, ohne sie überprüfbar zu machen. Unter dem Deckmantel der Aufklärung erklärt er dann, was er über die tibetische Religion, den Buddhismus, den er als "pathologischen Karmawahn" denunziert, herausgefunden hat: "menschenunwürdige Unterwerfungsrituale" und Vergewaltigungen von jungen Mädchen sowie der Genuss von Menschenfleisch und Kot sind an der Tagesordnung, wenn man dem Autor glauben möchte.
Jetzt mal im Ernst: Buddhisten essen Kacke? Wer hat sich das ausgedacht? Cartman? (Der glaubt auch, dass Juden immer ihr Gold an einer Schnur um den Hals tragen.) Wenn das stimmen würde, dann hätten wir doch bestimmt schon mal davon gehört, oder? Denn so tiefgreifend ist der Buddhismus-Wahn nun doch nicht, als dass sich jemand diese Story entgehen lassen würde!
Und so geht das munter weiter. Angaben der Tibeter über tibetische Opfer oder die Menschenrechtsverletzungen der Chinesen werden als "Propaganda zur Sammlung von Sympathiepunkten beziehungsweise Spendengeldern" abgetan, stattdessen stützt sich der Autor lieber auf "offizielle Angaben", die beweisen, dass alles halb so schlimm ist in Tibet. Offizielle Angaben? Das sind die Angeben der Chinesen? Und weil die nicht angeben, dass sie in Tibet menschenrechtswidrig vorgehen und vorgingen, dann stimmt das auch. Das klingt allerdings plausibel.
Am besten ist die Empörung des Autors über die "gleichgeschalteten Medien": diese verletzten mit ihrer tendenziösen pro-Tibetischen Berichterstattung ihre "journalistische Sorgfaltspflicht", klagt er an. Das glaube ich gerne, nur scheint mir ausgerechnet Herr Goldner in dieser Sache der denkbar falsche Ankläger zu sein. Denn während die anderen Medien womöglich unkritisch die Darstellungen der Tibeter weitergeben, macht er das gleiche einfach mit der chinesischen Propaganda. Und das eine ist genauso falsch wie das andere, denn: Das Gegenteil ist auch verkehrt!

Montag, 24. März 2008

Fünf Jahre Irak-Krieg

Das inspirierte das eine oder andere visuell orientierte Nachrichtenmagazin zu Bilderserien á la "Best-of-Kriegsfotografie". Worum geht es dabei? In dem Film "Das fünfte Element" lernt Leeloo, der perfekte Mensch, die Geschichte der Menschheit an einem Nachmittag vor einem Computermonitor. Bilder spielen dabei scheinbar eine zentrale Rolle, und nachdem sie all die schrecklichen Bilder, die beim Stichwort "War" ablaufen, gesehen hat, möchte sie mit der Menschheit nichts mehr zu tun haben.
Und tatsächlich gibt es ja eine Reihe von Bildern, die jeder kennt und anhand derer man die letzten hundert Jahre auf eine Diashow von weniger als einer Minute zusammenschnurren lassen kann: der fallende Soldat von Capa, der Junge aus dem Warschauer Ghetto, die Leichenberge aus Bergen-Belsen, Der Atompilz von Hiroshima, wie Kennedy erschossen wird, ein Mensch auf dem Mond, die Napalm-Opfer-Kinder aus Vietnam, Tschernobyl von oben, wie alle auf der Berliner Mauer feiern, die brennenden Twin Towers, der Mann mit der Hundeleine. Bestimmt habe ich ein paar Bilder vergessen, und manches hängt bestimmt auch von der Perspektive und vom Alter des Betrachters ab, aber es ist ja unstrittig, dass es diese Bilder gibt, die jeder erkennt, weil sie zur kollektiven Erinnerung gehören (die, jaja, konstruiert ist).
Es sind die Bilder, die man immer wieder zu sehen bekommt, wenn ein bestimmtes Thema verhandelt wird, wenn ein bestimmter geschichtlicher Hintergrund illustriert werden soll, die Bilder, "mit deren Hilfe die Geschichte in unseren Köpfen befestigt wird" (Susan Sontag). Oft ist es sogar schon so, dass die Bilder die geschichtlichen Informationen ersetzen, weil sie als bekannt vorausgesetzt werden. Dabei reicht es meistens auch schon, einfach irgendwie Bescheid zu wissen: es genügt zu erkennen, dass es um den Holocaust geht, wenn man die Leichen und ausgemergelten Gestalten sieht, was spielt es da noch für eine Rolle, wer genau wem was angetan hat und wann. Es genügt zu erkennen, dass es sich um die sechziger Jahre handelt und das gesuchte Stichwort "Protest" ist, wenn man Hippies sieht oder Demonstranten (aus der Entfernung sind diese beiden Gruppen sowieso schwer unterscheidbar). Es ist also möglich, die Bilder erkennen, ohne die Geschichte zu kennen.
Denn das wichtigste an diesen Fotos ist doch, dass sie an sich überhaupt nichts aussagen. Sie sind ohne ihren Kontext absolut wertlos und sie rufen im Betrachter außer Irritation keine Gefühle hervor, wenn er nicht weiß, worum es geht. Das unaufhörliche Zeigen der immer gleichen Bilder erweckt in ihm nur die Illusion von Informiertheit, das Gefühl, irgend etwas zu verbinden mit dem Gezeigten, und sei es auch nur, diese Bilder schon unzählige Male gesehen zu haben.
Das gleiche passiert anscheinend gerade mit dem Irak-Krieg. Die Funktion solcher Jubiläums-Fotogalerien ist, den Betrachter schon mal vertraut zu machen mit den Bildern, die er in Zukunft immer zu sehen bekommt, wenn es um den Irak-Krieg gehen wird. Zum Jahrestag kann man einmal innehalten und schon mal ein paar gute Bilder fürs Album aussuchen.
Interessanterweise habe ich die meisten der Bilder noch nie gesehen. An sich ist das aber kein Problem: wenn es in der nächsten Zeit nur oft genug wiederholt wird, dass das die Bilder sind, die untrennbar mit diesem Krieg verbunden sind, dann wird es auch irgendwann so sein.
Und dabei fällt auch auf, dass sich die beiden Bildergalerien stark voneinander unterscheiden. Vor allem enthält die Spiegel-Galerie keines der Abu Ghraib-Bilder, die Stern-Galerie schon. Und damit wird auch deutlich, wie politisch diese eigentlich objektiven Bilder eigentlich sind: denn mit der Auswahl der Bilder wird auch gleichzeitig eine Entscheidung getroffen über die Bewertung des Gezeigten: Wenn man Bilder vom Krieg zeigt, zeigt man Sieger, oder zeigt man Opfer? Und wenn man Opfer zeigt, dann welche? Daran entscheidet sich letzten Endes die Bewertung des Krieges in der Zukunft, wenn die Wogen sich geglättet haben werden. Vietnam wird für immer die schreienden, weinenden Napalm-Kinder sein, auch wenn es bestimmt viele Bilder von erschöpften Soldaten gab. Darüber, was der Irak-Krieg sein wird, wird anscheinend im Moment noch gerungen.

Samstag, 22. März 2008

Folterstern

Diese Woche im "Stern" die große Titelgeschichte: Interview mit Lynndie England, der "Frau aus dem Folter Gefängnis". (Steht das da eigentlich über dem Eingang? "Abu Ghraib, Foltergefängnis"?)
Ziemlich reißerisch aufgemacht das Ganze, aber das Interview ist ganz interessant. Sie habe nur Befehle befolgt, sagt sie. Eigentlich ist das ja eine ziemlich unoriginelle Ausrede, die wir schon zu genüge kennen, aber diesmal musste ich ausnahmsweise nicht an Nazis denken, sondern an Filme wie "Full Metal Jacket" oder "Jarhead", in denen die Ausbildung der Army vor allem darin besteht, die Körper der Rekruten zu stählen, und deren Willen zu brechen. Lynndie England: "(...) im Militär folgst du Befehlen. Es heißt immer nur: Yes, Sir. No, Sir, Du folgst ihnen. Du stellst keine Fragen. Jetzt aber sagen die: "Du hättest Fragen stellen sollen.""
Ich war ja nie in einer Armee, und ich kenne auch fast niemanden, der bei der Bundeswehr war (auch noch so ein Phänomen, über das man mal nachdenken sollte), aber wenn diese Filme die Realität einigermaßen zutreffend darstellen, dann geht es bei dieser Ausbildungsmethode vor allem darum, dem Soldaten absoluten Gehorsam einzutrimmen, auch wenn der Befehl ganz offensichtlich jeglicher Vernunft widerspricht und nur der Willkür und dem Sadismus des Befehlsgebers entstammt. Wie weit die Soldaten jeweils sind, kann man testen, indem man extra sinnlose Befehle gibt, und dann diejenigen öffentlich demütigt, die sich dem Befehl vernünftigerweise widersetzen. Demütigungen von Vorgesetzten ohne Murren auszuhalten, ist auch so eine Fähigkeit, die man in der Grundausbildung lernt. Ich weiß auch nicht, wozu das im Krieg nützlich sein soll, aber anscheinend sind es Eigenschaften, die man sehr schätzt an Soldaten: wenn sie nicht nachdenken, sondern gehorchen und sich demütigen lassen.
Ist es nicht das Ziel der Ausbildung, den Charakter dieser Menschen zu formen? Am Ende sind die Menschen, die man erhält, solche, in deren Realität Gewalt und Demütigung vorkommen, weil sie sie in der Armee kennengelernt haben. Wenn diese Menschen, nachdem sie sich jahrelang anschreien und herumkommandieren haben lassen, endlich in eine Position gelangen, in der sie Macht über andere Menschen ausüben können, ist es dann besonders verwunderlich, dass sie die Gelegenheit freudig ergreifen und alles zurückgeben, was sie erhalten haben? Man könnte auch sagen: anwenden, was sie gelernt haben? Ist es denn nicht eine Binsenweisheit, dass gedemütigte Menschen niemals Macht über andere bekommen sollten? Der Umkehrschluss, dass man Menschen, denen man Macht über andere anvertrauen möchte, vorher keinen Demütigungen aussetzen sollte, liegt da eigentlich nahe.
Ich will die Leute nicht verteidigen, die dort Gefangene gefoltert haben, und allem Anschein nach auch noch Spaß daran hatten, ich frage mich nur, ob es sich bei ihnen, wie Rumsfeld behauptete, um "faule Äpfel" in einer ansonsten tadellosen Organisation handelt, oder ob eine hierarchisch organisierte Einrichtung, wie es eine Armee nun mal ist, nicht die Folter schon prinzipiell in sich trägt, und ob nicht Ausbildungsmethoden, wie diejenigen, die via Popkultur zu uns dringen, nicht den eventuell vorhandenen Sadismus in den Soldaten legitimiert und fördert.
In dem Interview heißt es weiter "Was wir gemacht haben, passiert in jedem anderen Krieg. Nur gibt es davon keine Beweise in Form von Fotos. Ohne die Bilder wäre die Aufregung niemals so groß gewesen." Erst letzte Woche wurden die Urteile im Prozess um die Folterungen in der Bundeswehr gesprochen. Wenn man sich die Aufnahmen dieser "Übungen" anschaut, erhält man manchmal den Eindruck, als ob die Beteiligten dort das Prinzip Krieg/Armee nachspielen, so wie sie es aus Filmen kennen. Und dieses Prinzip ist offenbar nicht nur in meiner Vorstellung mit Demütigung und Folter verbunden, sondern auch in der dieser Rekruten.