Donnerstag, 14. Februar 2008

Ma ma ma ma ma?

"Lernen Sie Chinesisch (als Viertsprache)!" pflegte unser Sprachwissenschaftsprofessor uns zuzurufen, "Sie werden sehen, es ist einfacher als Sie glauben." Seitdem steht Chinesisch lernen auf meiner Liste; ich bin nur noch auf der Suche nach dem richtigen Lehrbuch. Heute in der SZ dieser ermutigende Artikel:
"Das gesprochene Chinesisch ist eine der einfachsten Sprachen der Welt. Das Chinesische schafft das Kunststück, fast ohne Grammatik auszukommen. (...) Auch von der Sache mit den vier Tonhöhen sollte man sich nicht einschüchtern lassen. Einem Satz, wie dem zur Einschüchterung ehrfürchtiger Nichtsinologen viel bemühten Ma ma ma ma ma? (In den rechten Tönen ausgesprochenen bedeutet das: "Schimpft die pockennarbige Mutter das Pferd?"), wird man selbst bei jahrelangem Pekingaufenthalt leicht aus dem Weg gehen können."
Ja, das glaube ich auch. Also: welches Lehrbuch?

Montag, 4. Februar 2008

Kehlmann die Zweite

Dieses Buch von Daniel Kehlmann, das ich gelesen habe, "Die Vermessung der Welt", hat wirklich einigen Eindruck auf mich gemacht. Wahrscheinlich hat es sich schon herumgesprochen, dass es sich um eine fiktive Doppelbiografie handelt, die des Mathematikers Friedrich Gauß und des Naturforschers Alexander von Humboldt. Der eine kommt nie wirklich aus seiner Heimatstadt heraus, er vermisst die Welt in seinem Kopf, der andere bereist die halbe Welt und vermisst jeden Stein und jeden Berg. Am Ende sind sie beide alt und ein bisschen verschroben, und es sieht so aus, als hätten beide trotz allem nur einen unwesentlichen Teil der Dinge erfassen können. Bei einer Gelegenheit trifft Gauß auf Humboldts Bruder, den Sprachwissenschaftler:

"Sprachwissenschaft. (...) Gauß zuckte die Achseln. Das sei etwas für Leute, welche die Pedanterie zur Mathematik hätten, nicht jedoch die Intelligenz. Leute, die sich ihre eigene notdürftige Logik erfänden."

Die Amateur-Sprachwissenschaftlerin in mir senkte beschämt den Kopf; diese Vorstellung von Geisteswissenschaftlern, die einfach nicht intelligent genug sind für die reine Wissenschaft, sitzt doch recht tief. Nachdem ich jedoch eine Weile darüber nachgedacht habe, kam mir eine ganz andere Idee: warum sich ständig in den Dreck werfen vor Leuten, die vor lauter Intelligenz morgens noch nicht mal zwei gleichfarbige Socken finden können? (Nichts für ungut, Bruderherz!)
Wenn einer von denen an einer Funktion herumrechnet (oder was machen die da überhaupt den ganzen Tag?), dann den Rest des Tages vertrödelt und sich am nächsten Tag wieder an seine Arbeit setzt, dann ist alles noch genau wie gestern: eine Eins ist immer noch eine Eins und zwei davon ergibt Zwei.
Und dann angenommen ich denke eines Abends über ein Problem nach, sagen wir mal, über das Ich und das Andere, was die Welt ist, und ob das Andere überhaupt die Welt ist, und dann vertrödel ich den nächsten Tag, führe zwei Gespräche, schaue Nachrichten, und lese ein bisschen. Am Abend versuche ich mich zu erinnern, wo ich gestern beim Nachdenken stehengeblieben war und stelle fest: Ich bin jemand anderes als gestern; das Ich ist überhaupt nicht beschreibbar (den Verdacht hatte ich schon am Vortag), die Welt hat sich verändert, und ob das Andere nun die Welt ist, ist mir angesichts dieser verwirrenden Unklarheiten vorerst nicht möglich festzustellen. Was ich überhaupt herausfinden wollte, habe ich vor Schreck vergessen.
Und das soll einfach sein? Ich verbringe neun Zehntel meiner Zeit damit, die Dinge, mit denen ich arbeiten will, festzunageln, und kaum drehe ich mich um, haben sie sich wieder davongemacht, die Kategorien zerfließen zwischen ihnen, oder sie zerfließen zwischen den Kategorien, weil nämlich alles relativ ist und überhaupt nichts existiert, und wer das Gegenteil behauptet, ist ein Hochstapler, oder Mathematiker.
Vielleicht würde es mir leichter fallen, die Dinge zu benennen, wenn ich ein bisschen intelligenter wäre, aber dann würde ich trotzdem keine Mathematik betreiben. Das wäre dann ja auch zu einfach.
Deshalb gilt: Gauß, du bist raus! (und was sich reimt ist wahr) Und es geschieht dir ganz recht, dass zehn Mark jetzt fünf Euro sind. Entschuldigung: fünf komma elf.

Lost in translation

In diesem überaus lesenswerten Buch von Daniel Kehlmann stieß ich gestern auf eine ernüchternde Nacherzählung des, wie es dort heißt, "schönsten deutschen Gedichtes":

„Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.“

Wenn ich Preise zu vergeben hätte, würde ich dem Autor schon allein für die Idee, das ganze Buch in indirekter Rede zu schreiben, einen verpassen. (Hier erklärt er, warum er das gemacht hat.)
Er hat damit ganz nebenbei bewiesen, dass der Roman tatsächlich in der Lage ist, den Dialog zu ermorden: Es gibt nur noch Handlung, und auch Dialoge werden zu einer beiläufigen Form von Handlung. Und zwischendurch wird einem auch noch klar, wie elegant der Konjunktiv
doch eigentlich ist! Wie schade, dass er ausstirbt.

Dienstag, 29. Januar 2008

Unnützes aber seltenes Wissen

Das ist die Flagge der internationalen vexillologischen Gesellschaft:


Vexillologie ist die Lehre vom Fahnen- und Flaggenwesen.

von wegen Gleichschritt

Bei meinen wüst assoziativen Recherchen zum Thema Blackwater- Privatarmee - Fremdenlegion stieß ich gestern auf die interessante wenn auch ziemlich nutzlose Information, dass die Soldaten der Fremdenlegion mit 88 Schritten pro Minute viel langsamer marschieren als die Soldaten anderer Armeen (120 Schritte/Minute). Sie laufen so langsam wegen des vielen Sandes, den es in Afrika gibt. Ich konnte mir nicht so richtig vorstellen, wie langsam langsam in diesem Zusammenhang ist, also suchte und fand ich das hier:

(Ja, diese Leute sind in der Tat mit Äxten bewaffnet.)
An der Parade zum Französischen Nationalfeiertag nahmen im letzten Jahr auch Soldaten aus den anderen EU-Staaten teil, das sah dann so aus:

Das ist ja geradezu anarchisch! Hier marschiert ja jeder wie er will! Die Griechen und Zyprioten werfen die rechten Arme hoch über ihre Köpfe, andere halten die Waffe in der Rechten und wedeln deshalb mit der Linken, einige winkeln die Arme dabei bis zur Brust an, andere marschieren mit gestreckten Armen. Die Leute mit den Puschelhüten haben gar keinen Arm frei, weil sie ihre Gewehre mit beiden Händen halten. Die Spanier recken das Kinn nach oben rechts, die meisten schauen geradeaus. Die einen ballen die Fäuste, die anderen nicht. Es gibt unterschiedliche Abstufungen von Zackigkeit, die Finnen schlendern geradezu als wären sie im Urlaub. Und von den Uniformen will ich gar nicht erst anfangen.
Ich wette, jede dieser Armeen hat bebilderte Lehrbücher, in denen peinlich genau dargelegt wird, wie die exakte Körper- Kopf- und Waffenhaltung beim Marschieren auszusehen hat. Nur: Es ist überall anders! Da sage noch mal einer, Armeen unterdrücken die Individualität.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Blechtrommel

Warum war jetzt noch mal "Die Blechtrommel" "einer der wichtigsten Romane der Nachkriegsliteratur"? Ich habe mich ja lange darum gedrückt, aber jetzt habe ich dieses Buch gezwungenermaßen doch gelesen. Was für ein Graus! Dieser eitle Günter Grass, bei dessen Sprache die Selbstgefälligkeit aus jeder Zeile trieft, wie soll man das bloß aushalten? Unnötig umständlich bauscht er seine Sätze auf, alliteriert, metaphorisiert, macht semantische Objekte zu syntaktischen Subjekten, da will die Trommel, weiß der Kegel, verlangt der Schrank, und über allem thront dieser selbstgefällige allwissende Erzähler, den nichts tangiert, der sich nur berauscht an der Symbolikhaftigkeit seiner schrägen Wahrnehmungen, der sich manchmal "Ich" nennt, und manchmal in Babysprache, "Oskar". Mit unertäglicher Penetranz strapaziert er immer die selben wiederkehrenden bedeutungsüberladenen Motive, hauptsächlich von verklemmter Sexualität, da locken die die vier Unterröcke der Großmutter, da zappeln die Aale, da riechen alle Frauen nach Lebensmitteln, vor allem untenrum, aber wozu nur? Langweilig ist es trotzdem, um nicht zu sagen zermürbend, und wen interessiert überhaupt die Geschichte von Oskar, diesem autistischen Balg, das alle mit seiner blöden Trommel nervt, und wenn man ihm die Trommel wegnehmen will, kreischt bis die Gläser zerspringen? Und wer ist dann noch auf die Idee gekommen, diesen kleinen Giftzwerg zu so einer Art Widerstandskämpfer zurechtzudeuten, der aus Protest gegen die böse Welt der Erwachsenen (=Krieg usw.) nicht mehr wächst und stattdessen trommelt? Der Held ausgerechnet eines Günter Grass ein Wiederstandskämpfer? Oder ist diese Deutung angesichts der neuesten Enthüllungen inzwischen schon wieder passé? Das wäre wünschenswert, denn es gehört schon viel guter Wille dazu, in der Verweigerungshaltung dieses Dreikäsehochs politische Motive zu entdecken. Er trommelt weil es ihm gefällt, und weil er es aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen braucht, für seinen komischen Kopf. Im Grunde ist die ihn umgebende Welt ihm doch gleichgültig, solange er nur trommeln kann. Dieser Oskar ist ungefähr genauso politisch wie jonglierende Hippies im Park und auch genauso selbstgerecht.

Donnerstag, 17. Januar 2008

Kunst oder Kitsch?

Gerade las ich ein schönes Gedicht. (Wie sagt man in Deutsch: reread? Ohne dass es bescheuert klingt und den Satz zerhackt?)
Obwohl ich ja eigentlich keine Gedichte mag, und die Tatsache, dass ich es mag, mich schon wieder skeptisch stimmt, habe ich mich so daran erfreut, dass ich es teilen möchte:

Robert Frost

Stopping by Woods on a Snowy Evening

Whose woods these are I think I know.
His house is in the village, though;
He will not see me stopping here

To watch hi
s woods fill up with snow.

My little horse must think it queer
To stop without a farmhouse near

Between the woods and frozen lake
The darkest evening of the year.

He gives his harness bells a shake
To ask if there is some mistake.
The only other sound's the sweep
Of easy wind and downy flake.

The woods are lovely, dark, and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.


Hier gibt es auch eine selbstkritische Übersetzung:
"Poetry is what gets lost in translation" (auch Robert Frost)